.:Painting a Miracle:.
raindrops falling...




Eine Schreibmaschine ist ein Gedankenklavier...
Welches Lied spielen wir heute?
(Kurt Tucholsky)



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Wenn ich die
Geschichte in Worten
erzählen könnte, brauchte ich
keine Kamera herumzuschleppen.
(Lewis W. Hine)

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Philosophieren bedeutet zuallererst, gegen die eigene Dummheit zu kämpfen.
- André Glucksmann


Von hier an blind

Es war noch nicht einmal Mittag, als sie das Schlachtfeld erreichten. Erschöpft, hungrig und furchtbar müde kam es ihr vor als quittierten ihre Füße auf der Stelle den Dienst, wenn sie auch nur einen einzigen weiteren Schritt tat. Die sanften Hügel spannten sich schwungvoll zwischen ihnen und dem Gegner, in einem saftigen Grün, das unwirklich, wenn nicht gar surreal wirkte. Sie schloss einen Augenblick die Augen, atmete die kalte, herbe Luft ein und wünschte sich, es gäbe einen Grund, dies zu genießen. Tatsächlich war sie gezwungen, ihren Hunger zu vergessen, ihre letzten Lebensgeister zusammenzuraufen und sich so stark zu fühlen wie es ihnen die letzten Tagen des zehrenden Fußmarsches gepredigt worden war. Stark genug jedenfalls, um den heutigen Tag zu überleben und möglichst viele Mannen der anderen Seite ins Jenseits zu befördern. Und sie war wirklich nicht sicher, ob sie jetzt dazu in der Lage war.
Wie sie so darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass es eine selten dumme Idee gewesen war, sich dem Heer anzuschließen und für das Land und die Freiheit in die Schlacht zu ziehen. Welcher Teufel hatte sie nur geritten, als sie diese Entscheidung gefällt hatte? Sicher, sie konnte einigermaßen passabel mit dem Schwert umgehen und Grund genug, sich an ihnen zu rächen, hatten ihr diese Bastarde auch geliefert, aber würde das alles reichen um diesen Wahnsinn zu überstehen? Jetzt, da der Augenblick der Wahrheit so greifbar war wie nie zuvor, begann sie zu zweifeln, und das war nicht gerade förderlich für ihre Motivation. Sobald diese anfing zu bröckeln, war es nur noch ein kurzer Weg zum Rückzug, und der erschien ihr in diesem Moment durchaus verlockend, auch wenn sie nie erwartet hätte, dass sie das einmal denken würde. Doch angesichts der neuesten Entwicklungen konnte sie nicht leugnen, diesen Aspekt durchaus in Erwägung zu ziehen.
"Sie sind uns zahlenmäßig drei zu eins überlegen", hörte sie ihren Nebenmann flüstern und sie sah von der Seite zu ihm auf. Das schmutzige blonde Haar fiel ihm in die Stirn und immer wieder musste er blinzeln, um es daran zu hindern, ihm in die Augen zu stechen, während sich seine Fingerknöchel bereits weiß färbten, so sehr klammerte er sich an seinen schützenden Schild. Und das, obwohl die Schlacht noch nicht einmal begonnen hatte. Das mulmige Gefühl in ihrer Magengrube fachte ihre Nervosität an und sie wünschte sich, er hätte ihr diese niederschmetternde Information verschwiegen.
"Besten Dank auch", zischte sie zurück, wandte den Blick von ihm ab und richtete ihn wieder auf das Schlachtfeld, nur um festzustellen, dass sich dort noch nicht allzu viel getan hatte. Die Gegner waren dabei, sich in Position zu bringen, und ihre Anführer begaben sich zu der kleinen Senke in der Mitte der konkurrierenden Heere, um einen eventuellen Waffenstillstand und die dazugehörigen Konditionen auszuhandeln. Doch ihnen allen war klar, dass das reine Zeitschinderei war, keiner der beiden Seiten würde sich dazu erniedrigen lassen kleinbeizugeben, das käme einer Niederlage gleich, und dem würde niemand zustimmen bevor auch nur ein einziger Schachzug ausgeführt worden war.
"Das ist glatter Selbstmord", raunte irgendjemand hinter ihr, und dem folgte zustimmendes Gemurmel.
"Habt ihr schon mal eine derart organisierte Armee gesehen?" brummte jemand. "Die könnten uns selbst im Schlaf noch die Köpfe abschlagen!"
"Es ist alles eine Frage des Willens", behauptete ein anderer. "Wir können sie besiegen, wenn wir es nur wollen. Sich vorher die Hosen voll zu scheißen ist jedenfalls keine Lösung."
"Dir geb ich gleich Hosen vollscheißen, du!" wurde ihm prompt an den Kopf geschleudert, und durch leichtes Gedränge wurde sie ein Stückweit nach vorn geschubst.
"He!" rief sie zornig, die Haare in den Nacken werfend und an ihren Platz zurücktretend. "Spart euch den Kampfwillen für die da drüben auf! Tot oder blutig geschlagen nützt ihr niemandem was."
Betretenes Schweigen schlug ihr entgegen, dann wurde die Auseinandersetzung durch ein anderes Ereignis unterbrochen.
"Pfeile!" schallte eine panische Stimme zu ihnen hinüber, und instinktiv riss sie ihren Schild hoch, um ihn schützend über sich zu halten. Keine Sekunde zu früh, denn kurz darauf lugten ihr drei Pfeilspitzen durch das Holz entgegen. Sie knurrte, ließ den Schild sinken und spuckte vor sich auf den Boden, mit zusammengekniffenen Augen zu den Angreifern hinüberstarrend.
"Verfluchte Hundesöhne", zischte der Raufbold von eben, und dieses Mal war sein Kontrahent mit ihm einer Meinung.
"Sie haben Malcolm auf dem Gewissen", murmelte er düster, und erschrocken fuhr sie herum. Der nervöse Blonde, der eben noch neben ihr gestanden hatte, lag nun flach auf der Erde, und zwei Pfeile ragten ihm aus der Brust. Ihn als bleich zu bezeichnen ließ die Gelegenheit ungenutzt, das Wort leichenblass zu benutzen, und das erschien ihr am passendsten, berücksichtigte man die gegebenen Tatsachen. Sein blondes Haar wirkte wie ein Heuhaufen nach einem kräftigen Sturm, und die Sommersprossen hatten offenbar wie die Ratten das sinkende Schiff verlassen, zumindest waren sie auf der fahlen Haut nicht mehr zu erkennen. Sie schluckte hart und zwang sich, den Blick von ihm abzuwenden und an irgendetwas erfreulicheres zu denken als den Tod. Doch das war leichter gesagt als getan, wenn er einem direkt gegenüber stand und bereits fröhlich grinsend herüberwinkte, nur um sich dann wieder dem munteren Schärfen seiner Sense zu widmen.
Mit zittrigen Fingern befühlte sie den beruhigend kühlen Griff ihres Schwertes, das an ihrem Gürtel baumelte und auf den Einsatz wartete. Es war glatter Selbstmord, soviel stand fest, und das trug nicht unbedingt zur Besserung ihrer Laune bei. Vielleicht würde dieses Schlachtfeld heute auch ihr Blut tränken. Vielleicht würde sie ihr Heimatdorf nie wieder sehen. Vielleicht... sie begriff, dass sie sich viel zu spät darüber Gedanken machte. Daran hätte sie denken müssen, bevor sie sich dem Heer angeschlossen hatte um zu kämpfen. Dies war kein Spiel, es war das wahre Leben, und es herrschte Krieg. Ein Krieg in all seiner erbarmungslosen Grausamkeit. Und sie steckte mittendrin.


All that's left of yesterday...

Das vertraute Klingeln der Schulglocke drang an ihre Ohren, und sie seufzte schwer, während sie ihren Blick über den leeren Spielplatz gleiten ließ. Die Wände der Schule, die an dieses Grundstück angrenzte, waren kunstvoll mit Graffiti verziert worden, und dieses Zwischending zwischen Kunst und Schmiererei setzte sich auch an einigen der Spielgeräte fort. Selbst die Schaukel, auf der sie saß, war davon nicht verschont geblieben, und verkündete jedem, der es lesen wollte oder dessen Blick zufällig darauf fiel, dass irgendein Dennis den anonymen Schreiber an dessen Allerwertesten lecken könne, irgendwer seine Mutter f***** solle und diverse Namen von Paaren, die sich in der alten roten Holzschaukeln hatten verewigen wollen.
Ein paar Kinder liefen vorbei, und eine Mutter warf ihr einen bösen Blick zu, den sie jedoch gekonnt ignorierte. Sie wusste, warum die Frau etwas gegen Jugendliche haben musste, denn der mittlerweile doch sehr verwahrloste Spielplatz wurde immer mehr zu einem Treffpunkt für Jugendliche, die Alkohol tranken, rauchten, und auch Fixerbesteck war keine Seltenheit mehr. Dass besorgte Eltern diese Entwicklung in unmittelbarer Nähe der Schule ihrer Kinder nicht so gern sahen, war nachvollziehbar. Dennoch kümmerte es sie nicht sonderlich. Die langen Haare fielen ihr ins Gesicht, doch sie machte sich nicht die Mühe, sie wieder zurück hinter die Ohren zu stecken. Es war ihr egal, was die wenigen Passanten von ihr dachten... nichts war mehr von wirklicher Bedeutung für sie. Niemand war mehr von Bedeutung.
Früher waren sie oft zusammen hier gewesen. Oft genug hatte sie ihre fröhlichen Gesichter auf Fotos gesehen. Erinnerungen hatte sie kaum noch an jene Zeit, dennoch war sie nicht bereit zu vergessen. So viele hatten ihr gesagt, sie müsse loslassen, ein paar hatten auch gesagt, sie müsse sich erinnern, aber niemand hatte ihr geraten, daran festzuhalten. Und doch tat sie es.
Der Himmel verdunkelte sich und es dauerte nicht lang, da regnete es bereits als gäbe es kein Morgen. Und trotzdem machte sie keine Anstalten zu gehen. Mit geschlossenen Augen saß sie da, lauschte auf die Regentropfen, die auf alles um sie herum herunterprasselten, als spielten sie eine Sinfonie oder erzählten ihr Geschichten aus besseren Tagen, und sie ertappte sich dabei, wie sie die Tropfen um ihre Freiheit beneidete. Ein paar Tränen quollen unter ihren geschlossenen Augenlidern hervor und vermischten sich mit dem Regen, als wären sie immer eins gewesen, was sie ein wenig beruhigte. So war wenigstens ein kleiner Teil von ihr frei, und wenn es nur ihre Tränen waren.
Sie hatte viel geweint in den letzten Jahren, auch wenn sie nach außen hin das Bild vermittelte als wäre sie darüber hinweg. Man bewunderte sie für ihre Stärke, klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter, und mit der Zeit hatte auch das Mitleid nachgelassen. Sie wusste zunächst nicht, ob sie sich darüber freuen oder doch eher wütend sein sollte, doch mittlerweile glaubte sie, dass es so besser war. Mitleid nützte niemandem etwas, und auch wenn es alle behaupteten, niemand wusste, wie sie sich fühlte. Wie elend sie sich vorkam, wie verlassen... wie allein.
Der Tod war etwas so entgültiges, und für den, der zurückblieb, war es am schwersten. Der Verstorbene schritt einer ungewissen Zukunft entgegen, von der man nicht einmal wusste, ob sie überhaupt existierte, während der Zurückbleibende mit der Lücke, die der Tote hinterlassen hat, dem Schmerz und der Verzweiflung allein gelassen wurde und damit leben musste.
Wenn sie jemand fragte, sagte sie stets es ginge ihr gut, lächelte, und damit war die Frage abgehakt. Meist interessierte es den Anderen eh nicht wirklich, man wollte ja nur höflich sein, und falls dies doch einmal der Fall sein sollte und sie die Wahrheit über ihre Gefühle versucht hätte zu erklären, hätte der Betreffende damit entweder nichts anzufangen gewusst oder sie erst gar nicht verstanden. Also versteckte sie sich hinter der Lüge und alle waren zufrieden. Zumindest alle anderen.
Man sagte, Zeit heile alle Wunden, und sie hatte beobachtet, wie die anderen nach und nach vergaßen. Vielleicht verdrängten sie es ja auch nur, um weiterhin ihr Leben zu leben, doch genau das war es, was sie nicht konnte. Sie konnte nicht vergessen, sie konnte nicht verdrängen, denn immer, wenn sie es versuchte, war dieser Schmerz da, der sie daran erinnerte, und diese Leere, mit der schrecklichen Gewissheit, dass sie nie wieder gefüllt werden würde.
Manchmal hatte sie das Gefühl, wenn sie die Augen schloss und ganz fest daran glaubte, dann entpuppte sich das Alles nur als ein böser Traum, sie wäre wieder da und es wäre alles wie früher.
Doch dann öffnete sie die Augen, voll Hoffnung, und musste nur ein weiteres Mal feststellen, dass sie nicht träumte und alles Geschehene die grausame Realität gewesen war, die nichts auf der Welt ungeschehen machen konnte, so sehr sie sich das auch wünschte. Die Wirklichkeit auf der einen und die Vergangenheit auf der anderen Seite drohten, sie zu erdrücken, wie ein dunkler lebloser Schatten, und sie fragte sich, ob es sich jemals ändern würde. Ob sie den Schatten jemals abschütteln könnte, ob sie jemals vergessen könnte, ob sie jemals wieder würde leben können.
Mit einem Ruck öffnete sie die Augen, wurde erneut von der Wirklichkeit enttäuscht, und erhob sich langsam von der nassen Schaukel. Noch immer weinte der Himmel, noch immer weinte auch sie, und ihre Tränen wurden vom Regen hinfort getragen in einen dunklen See voll leerer Erinnerungen, die sie zu vergessen suchte und doch nicht konnte. Manchmal kam es ihr vor, als wäre sie alles, was noch übrig war, die einzige klägliche Erinnerung an Gestern.


A Picture out of Focus

Wie verzaubert starrte sie durch die trüben Scheiben hinaus in das dunstige Dämmerlicht, das sich nach und nach wie eine Flutwelle über der Ebene ausbreitete. Der Regen hatte sich wie ein Netz über das Fleckchen Land gelegt und floss in kleinen Rinnsalen die verstaubten Fenster hinunter. Sie liebte den Regen, und an einem anderen Tag wäre sie glücklich über den Schauer hinausgerannt und hätte mit den Tropfen getanzt, wie sie es schon so oft getan hatte. Früher hatte er sie immer für verrückt erklärt, doch er hatte nie die Schönheit gesehen, die der Regen mit sich brachte, hatte nie die sanften Tropfen auf seinem Körper gespürt, nie das erfrischende Leben genossen. Trotz alledem hatte er es geliebt, ihr beim Tanzen mit dem Regen zuzusehen, und von ihrer Schönheit geblendet war es vielleicht kein Wunder, dass er den Regen übersah.
Sie schloss die Augen, konnte den Anblick des Regens nicht ertragen. Sie fühlte sich schuldig und seltsam leer, und es fiel ihr schwer, ihre Gefühle zu erklären, hatte sie doch eigentlich keinen Grund, sich schuldig zu fühlen. Er war an Krebs gestorben, schon vor einem Jahrzehnt, und bis zuletzt hatte er stets beteuert, sie habe sein Leben bereichert und sei sein einziges Glück gewesen. Sie hatte ihn so sehr geliebt, dass es selbst jetzt noch weh tat, daran zu denken. Ein lautes Schluchzen durchbrach die Stille der gegen die Scheibe prasselnden Tropfen, und sie legte den Kopf in ihre Hände.
Sie hatte Angst zu vergessen. Schon jetzt merkte sie, dass sie kaum noch an ihn dachte, sogar seinen Todestag hatte sie vergessen, und auch auf dem Friedhof war sie lang nicht mehr gewesen. Die Erinnerung an ihn wurde nur durch die wenigen Fotos aufrecht erhalten, die sie von ihm besaß, und die sie an Tagen wie diesem immer wieder hervorholte, um zumindest sein Gesicht wieder in ihr Gedächtnis zurückzurufen. Da war es wieder: Das Gefühl von Schuld. Selbst seinen Geruch und den Klang seiner Stimme hatte sie vergessen, und nun fürchtete sie, dass auch die letzten Erinnerungen an ihn mit der Zeit verschwinden und ihn so für sie völlig unerreichbar machen würden. Schließlich war die Erinnerung das einzige, was sie noch mit ihm verband, und sie klammerte sich daran wie ein Bergsteiger an sein Seil. Nein, sie konnte nicht loslassen, das wäre ihr wie ein Verrat an ihm vorgekommen. Ein Verrat an ihm und ihrer Liebe.
Warum er? Und warum hatte er sie allein hier zurückgelassen? Nach seinem Tod hatte sie sich gefühlt, als hätte man sie in der Mitte durchgerissen, wie ein Blatt Papier, von dem man eine Hälfte in den Kamin warf, nur um die andere wieder auf den Schreibtisch zurückzulegen und sie dort zu vergessen. Der Schmerz über seinen Verlust war am Anfang so groß gewesen, dass sie über eine Woche lang nicht hatte schlafen können und sogar öfter mit dem Gedanken gespielt hatte, ihm in den Tod zu folgen. Warum hatte sie es nicht getan? Ach ja... der Regen... danach hatte sie begonnen, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen, wie er es sicherlich auch gewollt hätte. Und dann fing sie an zu vergessen... nein!
Entschlossen erhob sie sich und ließ die Fotos auf den dunklen Dielen zurück, ihnen nicht einmal mehr flüchtige Beachtung schenkend. An der Tür angekommen schlüpfte sie aus ihren Socken und trat hinaus in den Regen, ohne die Tür hinter sich zu schließen oder auf die schräg fallenden Tropfen zu achten, die den weichen Teppich um den Eingang herum durchnässten. Schon jetzt spürte sie, wie das kühle Nass auf ihre weiche Haut prasselte, und sie reckte den Kopf gen Himmel, um den wohligen Schauer zu begrüßen. Es tat so gut, war so erfrischend, fast als würde das Wasser all ihre düsteren Gedanken und all die Trauer wegspülen und nichts als Zufriedenheit und Glück zurücklassen. Mit einem freudigen Schrei breitete sie die Arme aus und begann, sich wie in einem Tanz über den nassen Boden zu drehen, immer schneller, immer schneller, bis die Welt um sie herum schon nicht mehr klar zu erkennen war. Alles verschwamm zu einem undurchdringbaren Bild, wie ein Foto, bei dem der Photograph gewackelt oder den Focus nicht richtig eingestellt hatte.
Und von irgendwoher schien die Sonne durch die Wolken zu brechen...


Novemberwinterzauber

Bereits vor einer Weile hatte es angefangen zu schneien, auch wenn sie nicht hätte sagen können, wann genau das gewesen war. Sie saßen schon einige Zeit fast bewegungslos da, wie zwei Statuen, nebeneinander im Gras unter diesem großen, alten Baum am See, wo die Enten schnatternd versuchten, einen Platz unter dem schützenden Steg zu erhaschen.
"Kannst du es hören?" fragte er, und sie lauschte einen Moment, ehe sie den Kopf schüttelte.
"Was meinst du?"
In der Ferne waren ein paar Autos zu hören, die Enten quakten und dumpf drang das Schreien eines Kindes zu ihnen hinüber. Doch sie war sich sicher, dass all dies nicht das war, was er meinte.
"Die Stille", sagte er leise, ohne den Blick von dem See zu nehmen, der ruhig vor ihnen lag. "Die Stille der fallenden Schneeflocken."
Wieder verfielen sie in Schweigen, unter den hängenden Ästen der Trauerweide, deren äußere Spitzen schon den Boden berührten und somit eine Art Kuppel um sie herum bildeten. Sie schloss die Augen, tief durchatmend, und genoss die Ruhe.
Zwar waren die Temperaturen schon seit Tagen nicht mehr über Null Grad gekommen, dennoch schien es für richtigen Schnee noch immer zu warm zu sein, denn so stark es auch schneite, die dichten Flocken wollten und wollten einfach nicht liegen bleiben. So verloren sie sich in dem allgemeinen Grau der Novembertage und gingen in den flächigen feuchten Pfützen unter, die den gesamten Boden bedeckten. Und trotzdem verlor die Luft nichts von ihrer winterlichen Stimmung, wie sie fand.
Mit einem Lächeln öffnete sie die Augen wieder, um die stetig fallenden Schneeflocken zu beobachten. Und sie lauschte auf das leise, kaum wahrnehmbare Geräusch, das sie machten, wenn sie auf dem nassen Boden aufkamen. In jenem winzigen Augenblick, bevor sie schmolzen und wieder zu flüssigem Wasser wurden, schien die Zeit für einen Moment stehen zu bleiben und versetzte die Welt in eine Art Winterzauber... oh ja, sie konnte es hören...




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